
10.12.2012, 16:38 Uhr | Christian Haas
Ein ganz besonderes Erlebnis erwartet Wintersportler im hochalpinen Österreich, genauer am Pitztaler Gletschersteig. Angeseilt geht es auf geführter Eissafari über blaue Gletscherspalten, vorbei an Reliquien historischer Momente und entlang tiefer Schluchten zwischen den Ötztaler und Pitztaler Alpen, bis man sich als Höhepunkt der Tour einige Meter in bis zu 60 Meter tiefe Eislöcher abseilen lässt. Sehen Sie in unserer Foto-Show spannende Bilder ders Pitztaler Gletschersteigs.
Ein großer, kaputter Flugzeugreifen aus längst vergangenen Tagen liegt im Geröll auf 2600 Meter über dem Meer, inmitten der Ötztaler Alpen. Er liegt direkt neben dem Wanderweg und am Rand des Gletschers Taschachferner. In Sichtweite des Reifens werden noch weitere Überreste einer kaum mehr als solche identifizierbaren Tragfläche sowie verbogene Gestelle und stark verrostete Eisenteile sichtbar. Was in aller Welt ist hier nur passiert? Andreas Frank, der im Winter jeden Samstag als DJ Andy Piz für Après-Stimmung im Pitztaler Skigebiet und im Sommer für den reibungslosen Ablauf etlicher Outdooraktivitäten und für das Gelingen der Eissafari sorgt, weiß die Antwort.
"Während des Zweiten Weltkriegs wurde ein amerikanischer Bomber vom Typ Boeing B-17 angeschossen", erzählt der 35-jährige Bergführer vom Alpin Center Hochzeiger Pitztal. "Die Maschine ließ sich nicht mehr lenken, die Piloten konnten sich gerade noch mit Schleudersitzen befreien und überließen dann den Flieger seinem Schicksal. Das besiegelte schließlich der Taschachferner. Mitten am Gletscherfeld zerbarst der Flieger." Das ist über 60 Jahre her, doch erst seit einigen Jahren werden mehr und mehr Wrackteile sichtbar. Die unaufhaltsame Gletscherschmelze, die das vier Kilometer lange Eisband in 40 Jahren um mehr als 700 Meter verkürzte, bringt es an den Tag.
Ein paar Meter weiter kann, oder besser muss Frank die nächste Anekdote zum Besten geben. Ein eisernes Gedenkkreuz samt Foto erinnert an Franz Auer. Der Skilehrer, Bergführer und langjährige Hüttenwirt der nur wenige Wanderstunden entfernten Braunschweiger Hütte, stürzte am 18. Februar 2005 in eine Gletscherspalte, als er, wie so oft, eine Gruppe von Skitourenfahrern über den unpräparierten Taschachferner führen wollte.
Neben den Wintersportlern im Eis finden sich auch Skifahrer, die die unkontrollierte schwarze Route in Angriff und bestimmt auch in dieser Saison wieder das Risiko auf sich nehmen. Doch bis dafür genügend Schnee liegt, müssen sie auf die benachbarten, beschneibaren Pisten ausweichen. Die sind bereits seit Mitte September befahrbar, hingegen die Gletscherzunge bis Mitte, Ende Oktober den Wanderern gehört. Und die genießen einen Vorteil: Sie können sich leichter anseilen, um Katastrophen zu vermeiden. Bei stabilem Wetter können sie sogar ganz drauf verzichten.
So wie an unserem Tag. Nichtsdestotrotz wird Frank nicht müde mit seinen Hinweisen: "Ihr müsst gut aufpassen. Es lauern hier oben viele Gefahren!" Trotz makellos blauen Himmels und angenehmen Temperaturen, die Handschuhe und Mütze nicht zum Einsatz kommen lassen. Und trotz des beinahe harmlosen Eindrucks, den das bis zu mehrere hundert Meter breite Gletscherzungenband vorerst macht. Ob es am gleißenden Weiß liegt, das alles so friedlich ummantelt, die benachbarte 3772 Meter hohe Wildspitze eingeschlossen? Aber das Weiß deckelt eben nur.
Die Gruselgeschichten und Warnungen sorgen jedenfalls dafür, dass unsere Körper nicht auf Sorglosmodus umschalten und in den Alltags-Wanderrhythmus verfallen.
Zudem erregen immer wieder unheimliche Geräusche wie die eines Bergsturzes die Aufmerksamkeit. Kommt das Grollen von einem Steinschlag jenseits des Gletscherfeldes? Oder aus dessen Innerem? Zweifellos vom Gletscher selbst kommt ein immer wieder anschwellendes Knacken, das direkt aus dem Herzen der langen weißen Schlange zu kommen scheint. Gerade so, als verdaue das Wesen aus der Eiszeit gerade noch den letzten Happen. Womöglich noch weitere Reste des Unfallflugzeugs?
Eine ganze Weile führt die insgesamt rund sieben- bis achtstündige Tour erst mal parallel zum Gletscher, jedoch auf festem Untergrund. Dabei haben wir neben wilden Steinböcken den Gletscher immer im Blick. Und dann geht es endlich drauf: Steil geht es die vom Gletscherstrom blank gewienerten Felsen am seitlichen Zungenrand hinunter, das letzte Stück müssen wir sogar hüpfen, rutschen, in die Knie gehen. Holzleitern führen schließlich wieder hinauf auf den eisigen Buckel, doch am heutigen Tag werden ihre Hilfestellungen nicht benötigt. Überhaupt brauchen wir weder Steigeisen noch die Rückversicherung eines Seiles, als wir den Taschachferner in seinem unteren Abschnitt überqueren.
Am eindrucksvollsten sind die sich immer wieder auftuenden Spalten, aus denen es wunderbar bläulich schimmert. Nebenan schlängeln sich hier und da kleine Wasserläufe über das Eis, während ein paar Etagen und etwa 60 Meter tiefer der Hauptgletscherbach am Grund des Gletschers fließt und sich am sogenannten Gletschertor am Ende der Zunge eine Bahn bricht und als mehrarmiger Wasserfall ins Freie schießt.
Für die Überquerung braucht man bei gemächlichem Tempo vielleicht zehn Minuten, wir jedoch eine halbe Stunde, weil es überall etwas zu staunen gibt. Und eigentlich stellen wir fest, dass wir noch viel länger hier bleiben hätten können. Der Gletscher als Spielzimmer für Abenteurer mit Sinn für Ästhetik. Und für Abenteurer mit Courage. Denn gerade im Spätsommer und Herbst können Sie sich an bestimmten Stellen in die Spalten abseilen lassen - ein spektakuläres Erlebnis. Selbst wenn es "nur" zehn, fünfzehn Meter hinab geht ins dunkle, von den Wänden tropfende Eisloch - ein absoluter Höhepunkt der Wintersporttour, die mit einer Brotzeit am nahen Taschachhaus und dem Abstieg zum Taschachtal nach Mandarfen komplettiert wird.
Weitere Informationen:
Alpin Center Hochzeiger Pitztal, Liss 270, A-6474 Jerzens, Tel. 0043/5414/86910, Fax 86258, info@alpincenter-pitztal.com, www.alpincenter-pitztal.com;
"Eissafari Large" am Pitztaler Gletschersteig: mittelschwere, Sieben- bis Achtstunden lange, geführte Gletschertour inkl. Abseilen in eine Gletscherspalte und Hüttenjause am Taschachhaus; jeden Donnerstag je nach Schneelage von Juli bis Oktober möglich; Kosten: 340 Euro für vier Personen, jede weitere 85 Euro, exklusive Bahnticket mit dem Pitzexpress und der Panoramagondelbahn; Seil und Steigeisen werden gestellt.
Die Tour ist mittelschwer bis schwer, gerade im ersten Abschnitt sind Trittsicherheit und Schwindelfreiheit Pflicht. Klettererfahrung ist keine Voraussetzung. Für unerfahrene Bergwanderer und jüngere Kinder ist die Tour nichts, Reservierung ist hingegen Pflicht. Mitunter können Urlauber die Tour auch über ihr Hotel buchen.
Quelle: srt
Wenn sie sich hinab stürzen, stockt einem schon beim Zuschauen der Atem. zum Video
Entdecken Sie Zelte in allen Größen von Top-Herstellern
zu günstigen Preisen.
bei eBay.de
Für jede Jahreszeit ein schönes Motiv: Tolle Bilder für Ihren PC jetzt herunterladen.