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Wandern bis zum Gipfelkreuz: Das ist der Gipfel!

22.04.2013, 12:01 Uhr | Helena Pleier

Höher geht’s nicht. Das Gipfelkreuz ist das Ziel, das jeder Bergsteiger erreichen will.  (Quelle: Gabriel Schneider )

Höher geht’s nicht. Das Gipfelkreuz ist das Ziel, das jeder Bergsteiger erreichen will. (Quelle: Gabriel Schneider )

Wandern bis zum Gipfelkreuz

Auch wenn der Weg das Ziel ist – eine Markierung gilt es für jeden Bergsteiger zu erreichen: das Gipfelkreuz! Das ist der Punkt, wo man weiß, man ist oben angekommen. Manch einer trägt sich ins Gipfelbuch ein und die Fotos werden geschossen. Doch wieso markiert das Kreuz den Gipfel? Wie kommen die Kreuze eigentlich den Berg hinauf? Wem gehören sie und wer darf neue aufstellen? Sehen Sie sich Gipfelkreuze aller Art in unserer Foto-Show an.

Kunterbunte Gipfelwelt

Was für ein Durcheinander auf den Gipfeln dieser Welt! Sind sie nicht kahl, befinden sich darauf: Steinmännchen, Gebetsfahnen, Obos, Madonnen oder eben Gipfelkreuze. Keine Markierung unterwirft sich einem Regelwerk, es geht sozusagen kreuzfidel zu. Das Ballungszentrum der Gipfelkreuze liegt in den katholisch geprägten Alpen – vereinzelt kommen sie aber auch in anderen Regionen vor. Zum Beispiel steht auf dem höchsten Berg Amerikas, dem Aconcagua (6.962 Meter), ein kleines Gipfelkreuz.

Sie lassen sich also in keine Schublade stecken, stehen an unterschiedlichen Stellen am Berg, blicken mal in die eine, mal in die andere Himmelsrichtung, sind aus Holz oder Eisen, groß oder klein, schlicht oder aufwändig. Kurz gesagt: Gipfelkreuze sind mannigfaltig und speziell.

Wer hat’s erfunden?

Warum markieren nun eigentlich Kreuze manch einen Gipfel? Die Antwort fällt durchaus komplex aus, denn die Tradition, Gipfelkreuze zu errichten, muss man als Summe, Querschnitt oder Folge mehrerer Bräuche betrachten.

Die alten Römer brachten den Passheiligen dort Opfer, wo sie den Göttern am nächsten waren – auf den Gipfeln der Berge. Stößt man wiederum auf ein Kreuz mit drei Querbalken, so handelt es sich dabei um ein Wetterkreuz – ein Relikt alten Volksglaubens. Vermutet wird, dass die beiden zusätzlichen Balken die magische Kraft der Kreuze verstärken und vor Dämonen schützen sollten, die für Sturm und Gewitter verantwortlich gemacht wurden. Eine weitere Kreuz-Tradition: Seit Ende des 13. Jahrhunderts kennzeichnete man Alm- und Gemeindegrenzen mit Kreuzen – auch im Gipfelbereich. So findet man noch heute in Tirol Grenzmarkierungen, die nachgewiesenermaßen aus dem 16. Jahrhundert stammen. Im 18. Jahrhundert wurden in der Schweiz vor Gletschern Kreuze errichtet, um deren Ausdehnung zu stoppen. Gipfelkreuze sind also nicht ausschließlich religiös zu interpretieren.

Reviermarkierungen, Dankeschön und niedere Beweggründe

Ab dem 15. Jahrhundert errichteten Bergsteiger-Pioniere vereinzelt Kreuze auf „ihren“ Gipfeln, um Nachsteigenden zu zeigen, dass sie nicht die ersten Gipfelstürmer waren. Auf dem Mont Aiguille errichtete 1492 Antoine de Ville drei Holzkreuze. Als erste „wahre“ Errichtung eines Gipfelkreuzes (da mit Blitzableiter) gilt die Aufstellung des Gipfelkreuzes am Kleinglockner im Jahre 1799.

Im 19. Jahrhundert gewannen dann die Berge mehr und mehr an touristischem Reiz und Anfang des 20. Jahrhunderts brach ein regelrechter Gipfelkreuzboom aus – ein Trend, der durch den Einsatz von Hubschraubern ab den 60er Jahren noch verstärkt wurde. Durch das Setzen des Kreuzes demonstrierte man den „Sieg über den Gipfel“ und somit den „moralischen“ Besitzanspruch auf diesen.

Hochkonjunktur in der Gipfelkreuz-Geschichte herrschte auch nach den beiden Weltkriegen: Etliche Kreuze wurden errichtet, um gefallenen und vermissten Soldaten zu gedenken.

Auf einigen Gipfeln findet man zudem Dankeskreuze. Gedankt wird für die unterschiedlichsten Dinge: von der Genesung nach langer Krankheit bis hin zur bestandenen Abiturprüfung (zu finden auf einem Gipfelgrat über Fischhausen-Neuhaus).

Patriotismus und Heimatliebe waren wiederum der Grund für das im Jahre 1886 auf dem Hochfelln errichtete Kreuz: Anlässlich des 100. Geburtstages von König Ludwig I. schleppten damals 40 Helfer das 1.750 Kilogramm schwere Kreuz in Einzelteilen den Berg hinan.

Und natürlich spielen auch rein profane Gründe eine Rolle für das Aufstellen von Kreuzen: Das Gipfelfoto mit Kreuz ist für viele Bergtouristen ebenso obligatorisch wie das Weißbier auf der Hütte. Viele Gemeinden kommen daher dem Wunsch der Bergtouristen nach und versehen ihre Gipfel mit einem solchen „Marketing-Kreuz“.

Kreuz und Quer

Einfache Holzplanken, riesige Modelle, kunstvoll geschmiedete Kreuze etc.: Form, Material, Farbe, Ausrichtung und Verankerung der Gipfelkreuze sind äußerst verschieden. Häufig wird Wert darauf gelegt, dass die Kreuze schon vom Tal aus gut sichtbar sind. Und damit man von einem GipfelKREUZ sprechen kann, sollte die Kreuzform zumindest erkennbar sein.

Bei der Wahl des Materials steht Robustheit und Wetterresistenz im Vordergrund. Typische Gipfelkreuz-Materialien sind daher Holz oder Metall. Den 2.339 Meter hohen Gipfel der Schartwand im Tennengebirge ziert seit 2010 jedoch das erste Gipfelkreuz, das vollständig aus Glas gefertigt ist. Ein Werkstück dieser Art – das Kreuz ist 2,50 m groß und 1,40 m breit – kann man erst seit kurzem herstellen. Transportiert wurde das 200 Kilo schwere Kreuz per Helikopter.

3, 2, 1 – meins!

Ein eigener Stern, eine Insel, warum nicht auch ein Gipfelkreuz? In einer Zeit, in der sich so gut wie alles käuflich erwerben lässt, liegt der Gedanke nahe und in der Tat existiert eine Website, die genau das anbietet: Das eigene Gipfelkreuz ist hier nur fünf Klicks entfernt.

Könnte also jeder? Darf ich, bepackt mit zwei Holzplanken, den Gipfel erstürmen und dort ein Kreuz aufstellen? Jein, ganz so einfach ist es nicht (mehr)...

Zunächst führt der Gang zur zuständigen Gemeinde, um die Bauerlaubnis einzuholen. Das gestaltet sich zumeist nicht so einfach, weil der „Verschandelung“ der Alpen entgegengewirkt werden soll. Was auch als Grund dafür gilt, dass das für 2011 geplante größte Gipfelkreuz Europas nicht realisiert werden durfte: Der österreichische Künstler Christian Ludwig Attersee wollte auf dem Salersbachköpfel bei Zell am See ein 28 Meter hohes Kreuz errichten. Die Anwohner protestierten und das 300.000 Euro Projekt musste erst einmal auf Eis gelegt werden.

Mit Genehmigungen wird also gegeizt – doch was passiert, wenn man ein Kreuz heimlich errichtet? So geschehen auf dem höchsten Gipfel der Chiemgauer Alpen, dem Sonntagshorn, der zugleich der Hausberg der österreichischen Gemeinde Unken ist. Unken errichtete ein prunkvolles Kreuz ohne zu bedenken, dass der Gipfel des Sonntagshorns „bayrisch“ ist. Das Kreuz musste umziehen und zwar auf den österreichischen Nebengipfel, das Peitingköpfl. Nun steht dort ein Kreuz, das eigentlich gar nicht für dieses gedacht war und nach wie vor „Sonntagshornkreuz“ genannt wird.

Gut gekreuzt ist halb gewonnen

Das wichtigste ist die Standfestigkeit des Gipfelkreuzes, um den extremen Witterungsbedingungen zu trotzen. Das Gipfelkreuz am Großglockner – 1880 zur Erinnerung an die Silberhochzeit von Kaiser Franz Joseph und seiner „Sissi“ auf den Berg geschleppt  – wurde beispielsweise unzählige Male von Blitzen getroffen und vor zwei Jahren zerschmetterte ein Blitz den Felsen, in dem die Ankerseile des Kreuzes befestigt waren. Zwei der vier Seile rissen und das 300 Kilo schwere Kreuz drohte abzustürzen. Bergführer konnten es mit Hilfe eines Hubschraubers wieder verankern.

So geht’s aufwärts!

Und wie kommt (und kam) das Kreuz auf den Berg? Meist gelangt es in Einzelteilen nach oben. Je nachdem wie schwer und groß das Kreuz ist, unterstützen Tiere, Fahrzeuge oder Helikopter den Transport. Das größte Gipfelkreuz in den Bayerischen Alpen steht übrigens auf der Kampenwand. Das zwölf Meter hohe wetterfeste Eisenkreuz wurde 1950 ohne technische Hilfsmittel auf den Gipfel transportiert: Bis zu den Felswänden wurde es von Helfern und Mulis getragen, dann mittels einer Handwinde zum Gipfel hochgezogen.

Golden glänzend und strahlenförmig – das höchste Gipfelkreuz Deutschlands thront auf der Zugspitze. Seine Erstausgabe stammt aus dem Jahre 1851 - die Feuervergoldung, die die Verwendung von Quecksilber erfordert, ist jedoch nicht zeitgemäß. 1993 wurde das Kreuz daher durch ein identisches, jedoch mit Blattgold veredeltes Kreuz ersetzt. Da Blattgold jedoch weniger wetterbeständig ist, musste das 4,88 Meter große Kreuz bereits 2009 von Metallrestaurator Gerhard Eiblmeier mit 150 Gramm Blattgold neu verziert werden. Nach zwei Wochen wurde das frisch erstrahlende Kreuz in einer spektakulären Aktion mit dem Hubschrauber an seinen angestammten Platz zurückgebracht. 

Weiterführende Literatur und Links:

Claudia Mathis (2002): „Dem Himmel so nah... Von Gipfelkreuzen und Gipfelsprüchen“, Berenkamp Verlag.

Martin Scharfe (2007): „Berg-Sucht – eine Kulturgeschichte des frühen Alpinismus 1750-1850“, Böhlau Verlag.

Paul und Richilde Werner (1991): Vom  Marterl bis zum Gipfelkreuz. Flurdenkmale in Oberbayern“, Verlag Berchtesgaden.

Wolfgang Kunz (2012): „Gipfelkreuze in Tirol – eine Kulturgeschichte mit Gegenwartsbezug“, Böhlau Verlag.

Quelle: KGK

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