
10.12.2012, 16:37 Uhr | Ingo Hübner
Breckenridge hat Charme, ist aber aufgrund seiner Lage in knapp 3000 Meter Höhe ein rauer Ort für Flachlandskifahrer. (Quelle: Vail Resorts/Jeff Scroggins)
500 Meilen, drei Skigebiete, zwölf Tage: Unser Autor hat eine wahre Skisafari durch die USA gemacht. Pulverschnee in Breckenridge, Kneipentour in Aspen - lesen Sie die Beschreibung einer atemberaubenden und atemlosen Reise von Denver nach Salt Lake City. Verschaffen Sie sich einen Eindruck von den schneebedeckten Landschaften Amerikas auch in unserer Foto-Show.
In der O2-Lounge lümmeln die Höhenkranken meist liegend auf den Sofas herum. Dünne durchsichtige Plastikschläuche führen direkt in ihre Nasen. Sie wirken wie Süchtige an der Nadel, hängen jedoch nur am Sauerstoff. Kein Wunder: Breckenridge liegt immerhin in knapp 3000 Meter Höhe. Ein rauer Ort für Flachlandskifahrer. Warum kommen wir hierher, ins Herz des ehemaligen Wilden Westens in den Rockies? Wegen der Nostalgie verströmenden, alten Fassaden entlang der Mainstreet und einem fetttriefenden Frühstück aus Rührei, Bratkartoffeln und Ketchup in einem rustikalen Laden namens The Prospector (Der Goldsucher) am Morgen nach der ersten, schlaflosen Nacht?
Natürlich, Breckenridge hat Charme. Aber wir sind vor allem hier, weil es sich auf den weitläufigen Abfahrten von Gipfel 9 völlig stressfrei, völlig fantastisch einschwingen lässt. Stressfrei ist auch die Orientierung im Skigebiet, die mächtige Hintergrundkulisse des Ortes ist von Gipfel 7 bis Gipfel 10 einfach durchnummeriert.
Auf Nummer 8 ist bestimmt keiner von den Höhenkranken von gestern unterwegs, denn der "Imperial Express Super Chair Lift" fährt schnurstracks auf ungefähr 4000 Meter. Dünne Luft oder Aussicht, eins von beiden ist hier oben auf jeden Fall atemberaubend. Runter geht’s durch die Horseshoe Bowl, eine nette schwarze Doppeldiamant-Piste (schwerer wird’s nicht mehr). Und schon lassen die Vorzüge des trockenen Schnees den Serotoninspiegel das erste Mal so richtig steigen. Keine steile Eispiste ist das. Nein, beim Carven wirbeln Schneewolken wie aus Feinstaub auf - am Lift zuvor bereits das wichtige Hinweisschild "Das Tragen einer Atemmaske schützt vor dem Erstickungstod". Selbst die weniger Geübten haben noch als rollende Schneebälle eine gewisse Art von Vergnügen. Auf der anderen Seite des Berges dann eine Abfahrt, die schon allein wegen des Namens unbedingt bezwungen werden will: Psychopath, eine schmale Buckelrinne hinab durch lichten Baumbestand.
Am nächsten Morgen zeigt das Thermometer bei strahlender Sonne und metallicblauem Himmel minus 25 Grad. Breckenridge ist, wie schon erwähnt, eben ein rauer Ort. Und schon immer gewesen - das ist uns am Vorabend im Gold Pan Saloon von den Einheimischen eingebläut worden. Im Winter 1898 schneite es so ausgiebig, dass Breckenridge 79 Tage von der Außenwelt abgeschnitten war und der Schnee so hoch lag, dass die Einwohner Tunnel quer über die Hauptstraße graben mussten, um von Haus zu Haus zu gelangen.
Dann wurde noch die Geschichte von Tom und seinem Baby erzählt. 1887 fand der Goldsucher Tom Groves ein 13 Pfund schweres Gold-Nugget, das schwerste, das jemals in Colorado gefunden wurde. Der schlaue Tom hat das Nugget in Tücher gehüllt und stets wie ein Baby auf dem Arm herumgetragen, bevor er es aus Breckenridge herausschmuggeln konnte. Er musste schließlich auf der Hut sein vor all den Revolverhelden auf der Straße, die schon für bedeutend weniger getötet hatten.
In Aspen laufen ziemlich viele Pelzmäntel rum. Ok, das weiß man ja schon. Über all dieser Dekadenz wacht die Sonne so fröhlich, dass es bereits von den Dächern tropft. Das Wetter spielt in den Rockies ein seltsames Spiel, einmal eisig, einmal warm, und das bei nur ein paar Meilen Luftlinie zwischen Breckenridge und Aspen. Wer in Aspen ein paar Tage länger bleiben will, sollte vielleicht darüber nachdenken, sich in den Timesharing-Apartments einzumieten. Ab einer Million Dollar bekommt der Gast Anspruch auf zwei Monate Wohnrecht im Jahr. An Weihnachten sind zwar kleine Schwierigkeiten vorprogrammiert, dafür liegt der Lift gleich vor der Haustür. Wollte ich mir nicht noch ein schönes Brioni-Sacko kaufen, bevor es auf die Piste geht?
Snowmass, das größte der vier Skigebiete von Aspen, ist ein Eldorado für Eigenbrötler. Wenn die Amerikaner nicht gerade einen Feiertag haben, sind die Pisten fast menschenleer und nach kurzer Zeit mehr als drei Mitfahrer auf einer der endlosen Abfahrten wirklich störend. Als "Entschädigung" dafür gibt es aber immer diesen weiten Blick über von Schnee bedeckte, blassrote Sandsteinfelsen hinab ins Tal, wo irgendwo unter dem blauen Banner des Himmels wie verloren Aspen liegt.
Damit wir selbst nicht auf dem Berg verloren gehen, ist heute ein Gästeskiführer mit unterwegs. Die können nämlich bei der Aspen Skiing Company ausgeliehen werden. Sehr praktisch, denn auf Nachfrage führt er gleich noch in die lokale Kneipenszene ein. Kelly heißt der Mann, eigentlich Sportproduzent beim Sender ABC. Grauhaarig, energetisch, mit einem in perfektem Weiß strahlenden Gebiss. Die Woody Creek Tavern nahe Aspen ist Kellys Wahl. "Die Kneipe ist ein Relikt aus der Hippie-Revoluzzer-Gegenwelt der Siebziger", fachsimpelt er bei der Ankunft.
Über dem Eingang wacht ein hölzerner Eber mit gebleckten Zähnen. Die Tavern war Hunter S. Thompsons zweites Zuhause, bis er sich erschossen hat. Er hat gleich um die Ecke gewohnt. An allen Wänden Fotos, Artikel, Lithographien, die an ihn erinnern. Hunter, die Ikone der amerikanischen Hippiebewegung und Begründer des berüchtigten Gonzo-Journalismus, der sich mit dem Roman "Angst und Schrecken in Las Vegas" in die Liga der Kultautoren geschrieben hat. "1970 hätte man Thompson fast zum Sheriff in Aspen gewählt - er wollte Drogen legalisieren", erzählt Kelly amüsiert. "Mitte der 1990er hat er mit einem Bürgerbegehren verhindert, dass die Aspen Skiing Company unseren kleinen Flughafen zu einem internationalen ausbaut", sein Grinsen entblößt jetzt fast das komplette Gebiss. Hinter der glamourösen, rostroten Backsteinfassade von Aspen lauert selbst heute noch die Gegenkultur, das lässt er schon nach dem dritten Pincher Bier durchblicken.
Über Nacht hat ein kleiner Blizzard viele Zentimeter Freerider-Träume antransportiert. Powderalarm, sofort raus! Ausgerechnet nach der ausgiebigen Bierprobe in Woody Creek. In den Aspen Highlands gleitet es sich durch den knietiefen Schnee leichter noch als durch weiche Butter, das kann nicht nur an den weichen Knien liegen. Selbst auf den schwarzen Pisten haben Anfänger jetzt einfaches Spiel. Das Fahren ist so unbeschwert und leicht, versetzt einen beinahe in einen schwebenden Zustand, und dazu eine Szenerie, an der selbst der beste Schönheitschirurg nichts mehr zu arbeiten hätte. Am Nachmittag dann beginnt die Suche. Auf Aspen Mountain. Nach Amerikas Idolen, seiner Identität. Gemeint sind die Schreine, die sich im ganzen Gebiet im Wald verstecken. Einer für Elvis, einer für Marilyn Monroe, auch Jerry Garcia ist einer gewidmet. "A friend of the devil is a friend of mine" hat er irgendwann mal gesungen, und mit dieser Zeile im Kopf "surft" es sich verdammt gut den Berg runter.
Innerhalb eines Vormittags haben die wilden eisigen Rocky Mountains einer archaischen, wüstenhaften Sandsteinlandschaft Platz gemacht, die im pastellfarbenen Licht der Wintersonne beinahe sanft und einladend erscheint. Der Arches Nationalpark, der auf dem Weg in die Skigebiete von Utah gleich an der Interstate 70 liegt, ist eigentlich kein Abstecher sondern ein Reiseziel für sich. Aber mehr als eine kurze Wanderung ist jetzt einfach nicht drin, sonst geht am Ende noch das Gefühl für den Schnee verloren. Park City ist nur einen Steinwurf von Salt Lake City entfernt, meteorologisch aber liegen Welten dazwischen. Während es in Salt Lake fast frühlingshaft sein kann, fallen hier schon mal zehn Meter Pulverschnee. Die Skigebiete in den Wasatch Mountains, von denen die alte Silberminenstadt eingekesselt ist, sind als wahre Schneelöcher bekannt.
Wie ist das totale Skierlebnis noch steigerbar? Das ist die Frage, die beim Frühstück jetzt schon leichtes Kopfzerbrechen bereitet. Unpräpariertes Freeride-Terrain ist eine mögliche Antwort. Ganz weit hinten im Park City Mountain Resort liegt die Puma Bowl, eine geräumige Tiefschneeschüssel, erst mit dem Lift und dann zu Fuß zu erreichen. Am Anfang des Weges der Hinweis: "For Experts only". Nach 30 Minuten Marsch ist klar, warum. Über dem Bergkamm hängt eine mächtige Wechte, das heißt, in die Bowl springen oder ein paar Meter mehr oder minder senkrecht hineinfahren. Kurzes Herzklopfen, Sprung und Abfahrt. Und wie immer alles wie auf Butter, oder doch schon auf Daunen? Wegen des Salzsees im Westen, der den Wolken Feuchtigkeit entzieht, soll hier der Schnee ja noch trockener sein als in Colorado. Eigentlich soll er der trockenste auf der ganzen Welt sein... Wirklich schöner Gesprächsstoff für die abendliche Kneipentour.
Das Wasatch Brew Pub ist weithin bekannt als subversives Element, und deswegen immer gestopft voll. Mit der Namensgebung für seine Biere hat sich der Besitzer schon viel Ärger mit den züchtigen Mormonen eingehandelt, die Utah regieren. Mit Sondersteuern wollte man dem Pub den Garaus machen. Das hat nichts genützt, das Polygamie-Porter Bier ist ein Renner in ganz Utah. Auf dem Etikett ist eine Jesusfigur mit vielen Frauen im Arm zu sehen, darüber die anzügliche Frage: "Why just have one?" Ja, warum eigentlich? Mit drei Skigebieten hat es schließlich auch hervorragend geklappt.
Veranstalter: Eine Skisafari dieser Art muss man sich immer individuell zusammenstellen. In der Regel ist die Buchung über einen Veranstalter günstiger als die Planung auf eigene Faust, da sie Zimmerkontingente und Skipässe günstiger einkaufen. Der Nordamerikaspezialist Aeroski Reisen bietet eine 14-tägige Reise (inkl. Flug, Unterkunft im DZ, zwölf Tage Skipass) ab etwa 1700 Euro an. www.aeroski.com
Informationen über die Skigebiete:
Breckenridge: www.snow.com
Aspen: www.aspensnowmass.com
Park City: www.skiutah.com, www.parkcitymountain.com
Quelle: Raufeld
Wenn sie sich hinab stürzen, stockt einem schon beim Zuschauen der Atem. zum Video
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