
10.12.2012, 16:38 Uhr | Christian Haas
Selbst den Abflug machen: Unser Tipp gegen Energielosigkeit und Couch-Potatoing im Winter. (Quelle: Reuters)
Skispringen für jedermann - das hört sich erst einmal sehr gewagt an, ist aber möglich. Durch die Lüfte segeln wie der schon zu Lebzeiten legendäre Toni Innauer, Sven Hannawald oder der Schweizer Vorzeigespringer Simon Amann - davon träumen Viele. Allerdings ist die Sportart technisch hoch anspruchsvoll und mithin zwar ein Publikumsmagnet, aber alles andere als ein Breitensport. Wer eine gewisse Portion Mut mitbringt, kann den Nervenkitzel jedoch in einigen Orten live am eigenen Leib statt von der Fernsehcouch erleben. Sehen Sie dazu auch unsere Foto-Show zum Skispringen.
Auf kleinen Schanzen in Oberstdorf, Wörgl, Bad Mitterndorf oder am thüringischen Rennsteig können Novizen bereits mit geringen Alpinski-Kenntnissen schon nach wenigen Stunden Unterricht Sprünge bis zu zehn, mitunter gar 15 Meter hinbekommen. Größere Weiten und schnellere Erfolge ermöglicht der seilgestützte Skiflyer in Oberösterreich - und das bei ähnlich hohem Thrill-Faktor. Die größte und beste Anlage dieser Art, bei der die Hobbyhüpfer über eine Rolle an einem Stahlseil gesichert in luftiger Höhe talwärts segeln, hat Anfang vergangenen Jahres in Höhnhart, rund zwei Autostunden von München entfernt, eröffnet - und seitdem mehrere tausend interessierte Freizeitspringer beglückt.
Ich will auch mein Glück probieren. Also rauf auf den Turm und rein in das Klettergurtgeschirr, das mir die Experten Gottfried und Fred reichen. Was sie mir auch geben, sind eine ganze Reihe Haltungstipps. "Wenn du auf dem Zitterbalken sitzt und es die Schanze bergab geht", doziert Fred heute nicht zum ersten Mal, "dann musst du in der Hocke bleiben - erst im Flug heißt es dann strecken, nach vorne beugen und die Füße zu einem V bilden. " Okay, das klingt nicht allzu schwer. Dann wird mir ein bunter Helm verpasst und mein Klettergurt mit drei herabhängenden Ketten verbunden. Gottfried hilft mir in die Snowboard-Bindung der überlangen Latten, bevor er das Sicherheitsgatter zur Seite und mich auf den schmalen Holzstamm schiebt. Warum der Zitterbalken heißt, wird mir rasch klar. Eine falsche Bewegung, und man würde zu früh die rund acht Meter lange Rampe hinunterrutschen.
Es stellt sich ein mulmiges Gefühl ein: keine Angst - schließlich kann hier jeder springen -, aber dennoch Aufregung. Dann gibt Fred seinem "Tal"-Kollegen per Funk das Okay und startet den Motor des Sprungschlittens, der für eine Beschleunigung bis zu 65 Stundenkilometer sorgt. Und da ich just unter diesem angeseilt bin, für einen abrupten Zug nach vorne. Jetzt geht es definitiv los, die letzte Gelegenheit für einen Rückzieher ist verstrichen. Vor zehn Minuten noch hat ein Teenager vor mir eben jenen Last-Minute-Rückzug angetreten - der Blick auf die Rampe und das, was da kommen mag, hat dann doch eine gewisse Panik ausgelöst. "So was kommt vor", meint Gottfried, "aber sehr selten. "
Ich will mir keine Blöße geben. Sondern den Kick. Also sehenden und tränenden Auges die Rampe hinab. Juhu! So schnell es die Sprungschanze nach unten geht, so rasch geht mein Puls nach oben. Vor lauter Überraschung bleibe ich natürlich doch nicht in der Hocke, sondern mache mich viel zu früh viel zu lang. Die Folge: Ich schliddere ein wenig aus der Anlaufspur, bevor ich abhebe und in luftiger Höhe am Seil über die Wiese segle. Wie eine schwebende Marionette am dicken Faden gleite ich der Schwerkraft folgend nach unten. Berauscht vom Höhenflug kann ich den Flug mit jedem Moment stärker genießen. Und überraschenderweise bleibt nach dem vermutlich wenig galanten Einpendeln genug Zeit, an der B-Note zu feilen.
Wie sagte Fred gleich nochmal? Schön nach vorne beugen, mit den Füßen ein V bilden, mit den angelegten Händen austarieren. Passt. Rund 25 Sekunden nach dem Start lande ich mit angehobenen Skispitzen und einem satten Rumms auf der grünen Landematte. Und in den Armen von Freds Kollegen, dem sogenannten Lander. Der meint nur: "Der Start war bestenfalls eine Drei minus, aber dann wurd's besser." Drei minus? Dafür fühle ich mich wie eine glatte Eins. Und außerdem erst jetzt so richtig in Fahrt. Kurz: Ich will sofort noch mal! Also die langen Latten geschultert, rein in den wartenden VW-Allradbus, der einen den Feldweg zurück zum Turm bringt und noch mal rauf auf den Zitterbalken. Und, wer sagt's denn: Beim zweiten Sprung geht alles schon viel geschmeidiger. Das findet auch die Jury beim Landen: "Diesmal sah es schon beinahe ansehnlich aus."
Weitere Informationen:
Schmiedbauer's Skiflyer in Thannstraß bei Höhnhart, Tel. 0043/650/8957713, www.mostschanze.at; Kosten pro Flug: 19 Euro; Termin: ganzjährig Freitag bis Sonntag und an Feiertagen ab 14 Uhr geöffnet, in den Wintermonaten nur Gruppen ab zehn Personen.
Andernorts kann man ebenfalls das Abenteuer Skispringen kennenlernen - auf einer richtigen, wenn auch kleinen Skisprungschanze. Dazu benötigt man lediglich Basiskenntnisse im Alpinskifahren. Alles andere wird einem in einem mehrstündigen bzw. ein- bis zweitägigem Workshop vermittelt.
Erdinger Arena Oberstdorf: www.erdinger-arena.de; www.impulscompany.de
Steinach/Thüringen: www.roc-team.de
Wörgl/Tirol: www.flughunde.at
Bad Mitterndorf/Steiermark: www.hubertneuper.at
Quelle: srt
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