
15.11.2012, 14:00 Uhr | Michael Brehme
Jürgen Mühling gehört zu den besten deutschen Fallschirmspringern: Mehr als 10.000 Sprünge hat er schon hinter sich. (Quelle: dpa)
Er hat schon mehr als 10.000 Sprünge aus unvorstellbaren Höhen hinter sich: Jürgen Mühling, einer der besten deutschen Fallschirmspringer. Auch im Guinness Buch der Weltrekorde war er schon, mit seinen zehn Sprüngen von Hochhäusern innerhalb von 24 Stunden (während des Skyscraper Festivals in Frankfurt am Main). Mühlings Leidenschaft für das Fallschirmspringen ist ungebrochen, aber nie unterschätzt er das Risiko - dafür ist die Liste der Todesopfer zu lang.
Zehn Bekannte hat Jürgen Mühling beim Sprung aus luftiger Höhe schon verloren. Und jede einzelne dieser Nachrichten war für ihn schockierend. "Man ist unvorbereitet, wenn man hört, dass wieder jemand umgekommen ist", sagt der 47-Jährige. "Du denkst dir dann: Mit dem hast du vor einem halben Jahr noch in einer Schweizer Bar gesessen."
Allein das zeigt schon: Fallschirmspringen kann lebensgefährlich sein. "Zumindest für die, die ein zu hohes Risiko gehen. Viele Unfälle zeugen davon, dass sich die Springer nur auf ihr Glück verlassen haben oder es schlichtweg nicht besser wussten", urteilt Mühling.
Von den höchsten Gebäuden und den gefährlichsten Klippen der Welt zu springen, ist natürlich nichts für die Allgemeinheit. Und wie bei fast jedem Extremsport ist die Gruppe derer, die ihr Leben trotzdem für einen Schwall von Glücksgefühlen immer wieder bewusst aufs Spiel setzen, entsprechend klein. Klasse und Erfahrung sind Voraussetzung. Mehr als 10.000 Mal ist allein schon Mühling gesprungen, aus Flugzeugen, von Bergen und Brücken, von Hochhäusern und Windrädern.
Der Kick sei einzigartig, sagt er. "Wenn ich springe, ist das ein totales Freiheitsgefühl. Und jeder sucht doch im Leben das, was ihn am meisten anmacht." Anstatt pedantisch Briefmarken zu sammeln oder Blumenbeete zusammenzustellen, springt Mühling für sein Leben gern.
Er ist äußerst erfolgreich. Ego und Selbstwertgefühl profitierten sowieso, auch im internationalen Wettstreit zeigte Mühling schon seine Klasse und wurde 2001 WM-Dritter im Gebäudespringen. Damals ging es von den Petronas Twin Towers im Herzen Kuala Lumpurs bergab, ein anderes Mal wagte er sich von der Eiger-Nordwand in die Tiefe. Irgendwann merkte er: "Wettkämpfe machen mir nicht so viel Spaß." Er sah sich als jemand, der das mehr für sich mache, als Funjumper.
Seit 26 Jahren springt Mühling inzwischen mit dem Fallschirm. Erst war es ein Abenteuer, dann eine nette Abwechslung, nun ist es schon lange seine Berufung geworden. Und sein Beruf: Mühling wirkt bei spektakulären Werbespots für große Unternehmen mit, und er hat eine Flugschule in der Nähe von Berlin. Längst lebt er vom Fallschirmspringen und verdient sein Geld damit. Das er wiederum braucht, um sich ausleben zu können.
Mittlerweile hat sich Mühling längst nicht mehr nur auf Sprünge mit dem herkömmlichen Fallschirm spezialisiert, sondern auch auf modernere Flügelanzüge. Flächen aus Stoff sind hier zusätzlich zwischen den Armen und Beinen angebracht. Die vertikale Fallgeschwindigkeit wird drastisch gesenkt und in eine Horizontalgeschwindigkeit umgewandelt. Bei den sogenannten Wingsuits - die oft beim Basejumping genutzt werden, also dem Sprung von festen Objekten - breiten die Springer die Arme und Beine aus, in der Luft blasen sich die künstlichen Flügel auf. "Ein bisschen fühlst du wie auf einem fliegenden Teppich", sagt Mühling.
Geschwindigkeiten von rund 200 Kilometern pro Stunde sind in der Luft mit den Anzügen möglich. Das kennt auch Mühling. "Ein totales Freiheitsgefühl ist das", sagt er. Ob er keine Angst habe? Doch, natürlich. "Aber wer keine Angst hat, kann nicht mutig sein." Mühling ist mutig - und hat dennoch eine Grenze, die er nicht überschreiten würde. Dann, wenn das Risiko unüberschaubar wird.
"Auf einer Schwierigkeitsskala von eins bis zehn gehe ich nur bis zur Acht", sagt Mühling. Andere gehen bis zur Zehn und fliegen etwa mit dem Wingsuit durch schmale Canyons, wo nichts schiefgehen darf. Jeder verlorene Meter, jeder Luftzug kann dann lebensbedrohlich sein. Mühling sagt: "Wer in diesen Sport reingeht, der darf nicht erschrocken aufblicken, wenn es anders läuft als geplant."
Quelle: dpa
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