
28.09.2012, 15:04 Uhr | SK
Hart, härter, am härtesten – die „Chuck Norrisse“ unter den Textilien können mehr als andere. Ihre Spezial-Eigenschaften werden ihnen mit Ausrüstungen, Fasertypen und Web-Technologien mitgegeben. Wie funktioniert das und welche Stoffe werden auch im sportlichen Alltag eingesetzt? Eine kleine Materialkunde der Harten! Sehen Sie mehr über robuste Stoffe in unserer Foto-Show.
Dass es im hohen Norden gerne etwas rauer zu geht, dürfte allgemein bekannt sein. Daher findet man bei Outdoor-Marken aus Skandinavien, in diesem Fall aus Schweden, auch besonders strapazierfähige Bekleidung. Die super robuste Jacke Mithril Kevlar Jacket von Klättermusen ist so gut wie unkaputtbar - aber wie macht sie das? Es ist das Gewebe, das den Unterschied ausmacht, in jeder Outdoor-Ausrüstung. Hier ist es Kevlar – ein Gewebe, das gerne bei Motorradbekleidung verwendet wird. Die extrem feste Faser punktet mit Robustheit und dem geringen Gewicht, eben eine Jacke für den richtig harten Outdoor-Einsatz!
Und gerade draußen sind extreme Belastungen bei Sport-Textilien an der Tagesordnung: Der Hüftgurt des Trekkingrucksacks scheuert Jacken und Hosen durch oder sorgt für extremes Pilling (Knötchenbildung); die harten Schnallen der Skischuhe verhaken sich an den Hosensäumen; die Zacken von Grödeln oder Steigeisen bleiben am Hosenbein hängen, der Haul Bag wird rücksichtslos voll beladen über Felswände geschleift. Bei vielen dieser „Verschleißsportarten“ müssen Textilien extrem viel aushalten. Kletterer, Bergsteiger, Paddler oder Hobby-Höhlenforscher können ein Lied davon singen, wie nötig die Erste Hilfe mit Tape oft ist. Um die Lebensdauer von Rucksäcken, Skijacken und -hosen oder Expeditionsausrüstung zu verlängern, forschen bundesweit 16 Textilforschungseinrichtungen an neuen Stoffen, die mehr können.
Messlatte für die Abriebfestigkeit und das Pillverhalten von Stoffen ist dabei der sogenannte Martindale-Test: hier wird eine Stoffprobe fest in einen Rahmen eingespannt und unter definiertem Druck von oben mit einem standardisierten Reibestoff bearbeitet. Testet man das Pillverhalten, wird ein Kammgarnstoff aus reiner Wolle bei 800 Gramm Druck benutzt – beim Scheuertest kommt Schleifpaper zum Einsatz, das mit 1000 Gramm Druck auf den Teststoff wirkt. Die allermeisten Materialien geben hierbei nach maximal 2000 Scheuerzyklen den Geist auf. Das klingt relativ viel – führt man sich aber einmal vor Augen, wie oft bei einer Bergtour der Rucksack-Hüftgurt über die Jacke scheuert (nämlich bei jedem Schritt, wenn auch nur wenige Zentimeter), dann wird deutlich, wie stark die Kräfte sind, die auf Sporttextilien wirken.
Hohe Abriebfestigkeit erreicht man durch den Einsatz von dicken Fasern und Garnen beim Weben, durch zusätzliche Beschichtungen oder durch sehr flache, eng gewebte Stoffkonstruktionen. Die Herausforderung dabei: Stoffe zu finden, die zwar leicht, aber gleichzeitig hart im Nehmen sind. Weitgehend aus dem Rennen sind hier die Naturfasern. Zwar gibt es in der Familie der Hanf- und Leinenfasern einige sehr robuste Vertreter, aber deren Eigenschaften in puncto Gewicht, Atmungsaktivität, Wärmephysiologie et cetera lassen so sehr zu wünschen übrig, dass man sich für Sportbekleidung allgemein auf Synthetikmaterialien geeinigt hat.
Synthetikfasern können nach Belieben geformt, bearbeitet und ausgerüstet werden. In ihrer Grundform sind sie alle erst einmal mehr oder weniger flüssig. Bei der Faserproduktion wird die zähflüssige Masse durch unterschiedlich geformte Spinndüsen gepresst. Je nach Faserquerschnitt und –länge fühlt sich der fertige Stoff dann auch verschieden an. Zusätzlich werden die Fasern häufig auch noch „texturiert“ – sie bekommen eine kräuselige Struktur, die der von Wolle ähnelt.
Grundlage für die meisten hoch abriebfesten Gewebe ist Polyamid, ein synthetischer, sehr vielseitiger Stoff, der als "Nylon" von DuPont auf den Markt gebracht und später zum Gattungsbegriff für viele Polyamid-Stoffe wurde. Für Bekleidung wird Nylon seit den späten 30er Jahren des letzten Jahrhunderts eingesetzt – damals vor allem für Damenstrümpfe. Nylon ist sehr abriebfest und deshalb vor allem dort im Einsatz, wo Zähigkeit gefragt ist: bei Wetterschutzbekleidung (zum Beispiel Gore-Tex Laminate) oder Gepäck.
Ballistic Nylon stammt ursprünglich aus der Faser-Küche von DuPont (heute beim Tochterunternehmen Invista) und wurde im zweiten Weltkrieg entwickelt, um Kampfpiloten und Schützen vor herumfliegenden Splittern zu schützen. Als schussfestes Material hat Kevlar aber dem Ballistic Nylon schon lange den Rang abgelaufen. Heute wird es unter dem Markennamen Cordura Ballistic Nylon vor allem bei Rucksäcken und Taschen eingesetzt, meist aus einem hochwertigen HT-Nylon (HT = High Tenacity/hochfest) und in einer speziellen 2/2 Webtechnik, die eine flache, glatte Stoffoberfläche ergibt. Zusätzlich wird das Gewebe mit Polyurethan beschichtet. Sinnvoll ist das relativ teure, aber leichte Material zum Beispiel bei Rucksäcken für die Partien, die mit Skikanten, Steigeisen oder Eispickeln in Kontakt kommen.
Hypalon ist ein extrem widerstandsfähiges Material, das im Gegensatz zu Cordura sehr UV-beständig, temperatur- und alterungsbeständig ist. Es stammt ebenfalls von DuPont/Invista und ist, obwohl der Chemieriese den Hypalon-Geschäftszweig aufgrund geringer Nachfrage bereits 2010 eingestellt hat, immer noch in einigen Rucksäcken bei Arc’teryx, Deuter, Lowe, Marmot oder The North Face zu finden.
Cordura ist ein sehr robustes, abriebfestes, texturiertes Nylon aus kürzeren Polyamid-Fasern, das in verschiedenen Stärken und als Mischung mit anderen Fasern auf dem Markt ist. Es hat eine relativ raue Oberfläche und wird sehr vielseitig eingesetzt: bei der Schuhherstellung als günstige und robuste Alternative zu Leder, als Verstärkungsmaterial an Rucksäcken und Taschen oder in der Motorradbekleidung. Cordura lässt sich aufgrund der rauen Struktur allerdings schwerer beschichten als glattes Nylon. Darüber hinaus altern Nylon-Fasern unter UV-Einstrahlung und sollten daher nicht unnötig längere Zeit der Sonne ausgesetzt werden.
Kevlar ist ein extrem reiß- und schnittfestes sowie hitzebeständiges Material aus besonders langkettigen Polyamid-Fasern. Es wird vor allem im Arbeitsschutz sowie bei stark beanspruchter Outdoor-Ausrüstung eingesetzt, oder auch als Durchstichschutz in Fahrradmänteln. Eine der Besonderheiten ist der hohe Schmelzpunkt von etwa 400 °C – deshalb auch die Anwendung bei Feuerwehranzügen. In reiner Form ist Kevlar allerdings nur bedingt abriebfest und UV-stabil. Daher werden die Fasern häufig nur als Bestandteil von robusten Stoffen wie Schoeller-Keprotec aus der Schweiz eingesetzt – einem Gewebe aus ummanteltem Kevlar, Cordura und Polyamid. Keprotec findet sich zum Beispiel häufig als Kantenschutz in Hochtouren-, Ski- und Snowboardhosen.
Die Faserküchen der Chemiekonzerne haben in den letzten Jahrzehnten viele unglaublich robuste Produkte hervorgebracht – doch was sich an der einen Stelle eignet, ist an anderer Stelle nicht unbedingt sinnvoll. Deshalb setzt man die Verstärkungen gezielt ein: an Schultern und Unterarmen, an Knie, Gesäß und als Kanten-Schnittschutz für Ski- und Berghosen. Klar ist: „robust“ ist quasi der Gegenentwurf zu „fast and light“: Je leichter ein Material ist, desto anfälliger ist es in der Regel – und umgekehrt. Die Bandbreite des Gewichtes von Alpinjacken beispielsweise liegt etwa zwischen 350 und 1200 Gramm. Suchen Sie also nach dem cleveren Kompromiss, wenn Sie auf die Suche nach neuer Outdoorbekleidung oder einem Rucksack sind. Langlebigkeit erkauft man sich eben einfach oft mit einem Plus an Gewicht, oder einem Verzicht auf unnötige Ausstattung.
Quelle: KGK
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