
21.01.2013, 16:28 Uhr | Von Max Brodbeck
Risikomanagement im Wintersport ist wichtig. Wie finden Sie die richtige Balance zwischen Spaß und Sicherheit? (Quelle: SLF / Stephan Harvey)
Bei allen intelligenten Freeridern fährt eines immer mit: Das Bewusstsein, dass der Sport abseits gesicherter Pisten Gefahren birgt. Einfach munter drauf los fahren? Das wäre nicht nur naiv - es wäre lebensgefährlich! Gute Ski- fahrer oder Snowboarder zeichnet deshalb nicht nur athletisches Können aus, sondern auch der bewusste und geschulte Umgang mit alpinen Gefahren und aktuellen Gegebenheiten. Munter geht es aber durchaus zu: Eine bedeutende Rolle in der Entwicklung der Lawinen- kunde spielte ein Schweizer namens Werner Munter. In der Foto-Show geben wir wertvolle Tipps zum Risikomanagement im Wintersport.
Einige grundlegende Dinge über Lawinenforschung als Wissenschaftsfeld muss man kennen, um zu verstehen, wie komplex und verantwortungsvoll die Aufgaben von Lawinenexperten sind. Die Gefährdung für Menschen war bereits in der Vergangenheit zentraler Punkt und Grundlage für den noch heute regelmäßig veröffentlichten Lawinenlagebericht.
Allerdings hat sich dessen Nutzung, zumindest im alpinen Alltag, doch sehr verändert: Galten die fünf Warnstufen der Gefährdungslage (1 = Gering, 2 = Mäßig, 3 = Erheblich, 4 = Groß, 5 = Sehr groß) früher vorrangig als Warnhinweise zur Sperrung von Verkehrswegen und dem Schutz von siedelnden Menschen, nutzen inzwischen vor allem Wintersportler den Bericht, um Gefahrensituationen einzuschätzen.
Dabei war die fünfstufige Lawinenskala ursprünglich gar nicht für diesen Zweck gedacht, was im Wintersport zu Problemen führte. In den 1990er Jahren brach daher ein großes Umdenken in der Lawinenforschung aus. Einer, der dies maßgeblich vorantrieb und auch heute noch immer aktiv ist, ist der inzwischen 72-jährige Schweizer Bergführer Werner Munter.
1997 veröffentlichte Munter, damals schon über 25 Jahre als Bergführer und Bergführer-Ausbilder tätig und mit Lawinen- und Schneekunde befasst, ein Buch: "3x3 Lawinen – Entscheiden in kritischen Situationen" (heute lautet der Titel: "3x3 Lawinen – Risikomanagement im Wintersport"), das in der Fachwelt binnen kurzer Zeit großen Anklang fand. Obwohl oder gerade weil es jahrelang vorherrschende Lehrmeinungen und wissenschaftliche Erkenntnisse in Frage stellte, wurde es schnell zum Standardwerk internationaler Lawinenexperten.
Statt wie bis dato immer nur im Schnee zu graben, Schneekristalle unter die Lupe zu nehmen, den Aufbau der Schneedecke zu analysieren und dort nach Gefährdungsmerkmalen zu suchen, wandte sich Munter als Erster dem Geschehen oberhalb der Schneeoberfläche zu. Dem also, was auch der Wintersportler wahrnehmen und von ihm als Person beeinflusst werden kann: sein individuelles Handeln!
Natürlich ist Munter selbst Bergsportler und dürfte daher die Versuchungen in den verschneiten Bergen nur zu gut kennen. Darüber hinaus war er bis zu seiner Pensionierung 2006 über ein Jahrzehnt am eidgenössischen Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos beschäftigt.
Mit dieser Verbindung aus sportlicher Leidenschaft und wissenschaftlicher Profession ersann Munter die Formel 3x3 zur situativen Beurteilung der aktuell vorherrschenden Gefahr. Eine Art Werkzeug, das bestimmte Kriterien der Lawinengefährdung Schritt für Schritt analysieren hilft und schlussendlich eine Entscheidung pro oder contra Abfahrt/Aufstieg in unverspurtem Schnee erleichtern soll. Der Vorteil dieser Formel: Eine neuer Blick auf an sich Bekanntes hilft dabei, eine Entscheidung leichter abzuleiten.
Grundlage ist ein ganzheitlicher Blick auf die drei Kriterien „Verhältnisse" (Wetter und Schnee), „Gelände“ und „Mensch“. Mit drei Filtern (grob: regional, mittel: lokal, fein: zonal) „zoomt“ man von außen immer weiter bis in den betreffenden Hang und die unmittelbare Situation vor Ort ein. Der Vorteil dieser Formel: Ein neuer und vor allem kombinierter Blick auf an sich Bekanntes hilft dabei, eine Entscheidung leichter abzuleiten.
Das Risiko fährt im Gelände immer mit! Nun möchte man als Skifahrer ja nicht zum Langläufer werden, um jegliche Gefahren auszuschließen. Munter präsentierte seine so genannte Reduktionsmethode: Anhand bekannter Faktoren, die eine Lawinenauslösung unter gewissen Umständen begünstigen können, lässt sich eine Strategie entwickeln, bei der "nur" ein annehmbares Restrisiko bleibt. Oder anders gesagt: Munter ermöglichte erstmals die nachvollziehbare Abschätzung eines Risikopotenzials anhand eines Faktoren-Checks.
Damit motivierte er Lawinenexperten allerorts, sich mit neuen Ansätzen an das Thema Lawinenkunde und Risikomanagement zu wagen. Alpine Verbände und Experten erarbeiteten weitere Entscheidungsstrategien, die auf Wahrscheinlichkeitstheorien beruhten und veröffentlichten neue, hilfreiche Werkzeuge wie die Snowcard, die Stop or Go-Ausbildung oder die grafische Reduktionsmethode.
Unterscheiden und bewerten lassen sich die Hilfsmittel Snowcard und Stop or Go durch die Herangehensweise: Die Snowcard passt als kleines Hilfsmittel in jede Jackentasche und informiert farblich über das durchschnittliche Risiko. Rot steht dabei für sehr hohes Risiko. Sie leitet dies jedoch lediglich von den harten, nachlesbaren Fakten des Lawinenlageberichts, der Hangexposition (nachlesbar in der Karte) und der Hangsteilheit ab. Letztere führt allerdings zu dem Problem, dass sie aus der Karte nur grob abgelesen werden kann. Unterwegs erfordert eine (verlässliche) Schätzung der Steilheit viel Erfahrung oder man misst den Hang mit dem eingebauten Neigungsmesser. Allerdings steht man dann womöglich bereits im Gefahrenbereich.
Ähnlich verhält es sich mit der grafischen Reduktionsmethode, die eine farbliche Hilfestellung anhand der Informationen aus dem Lawinenlagebericht, der Hangexposition und -neigung und den für Auslösungen gefährlichen Hangpartien geben kann. Die Stop or Go-Strategie bindet bereits gewisse, vor Ort beobachtbare Geschehnisse mit in die Entscheidungshilfe mit ein: Neben den topografischen und geografischen Fakten, gibt es wiederkehrende Muster, die als Alarmzeichen für Lawinenaktivität gelten.
Darauf aufbauend lassen sich Entscheidungen nach dem Ampel-Prinzip ableiten: Rot für "Stop", Grün für "Go". Während in Österreich die Leiter des Tiroler Lawinenwarndienstes, Rudi Mair und Patrick Nairz, gar zehn Muster als entscheidend für Lawinengefahr identifizieren, beschränken sich Schweizer und deutsche Institutionen auf lediglich vier Muster. Das heißt nicht, dass die Wissenschaft hier mehr kennt als dort oder umgekehrt: es ist viel mehr eine Philosophiefrage, denn das Ziel Risikominimierung verfolgen alle.
Gemein haben zwischenzeitlich alle Länder, dass diese Muster als gefahrenbeeinflussende Kriterien in den Lawinenlageberichten erwähnt werden und Schneesportler diese Zusatzinformationen für ihre Routenwahl und Beurteilung lokaler Situationen zu Rate ziehen können. Es geht an dieser Stelle daher nicht um Bewertung, sondern darum, dass die wissenschaftlichen Fortschritte in der Lawinen- und Schneeforschung eine immer detailliertere Analyse durch jeden Einzelnen unterstützen.
Die Entscheidung für oder gegen einen Hang, einen Aufstieg, eine Abfahrt oder eine Tour trifft am Ende trotzdem immer jeder für sich.
Initiative des JDAV, die junge Menschen auf alpine Gefahren aufmerksam macht: www.check-your-risk.de
Lawinenwissen interaktiv und multimedial vermittelt und aufbereitet: www.whiterisk.org
App des österreichischen Lawinenwarndienstes als mobile Informationsquelle: www.snowsafe.at
Website des österreichischen Lawinenwarndienstes: www.lawine.at
Website des deutschen Lawinenwarndienstes: www.lawinenwarndienst-bayern.de
Websites zur AV-Snowcard: www.av-snowcard.de
Mehr über die Stop or Go-Strategie: www.alpenverein.at/portal/news/aktuelle_news/2012_12_04_sicher-auf-skitour.php
Quelle: KGK
Entdecken Sie Zelte in allen Größen von Top-Herstellern
zu günstigen Preisen.
bei eBay.de
Der Materialguide erklärt die wichtigsten Begriffe aus der Outdoor-Welt.
... mit den Packlisten für Ein- oder Mehrtagestouren im Zelt oder in der Hütte.
Mehr erfahren von Adrenalin über Body-Mass-Index bis Zirkeltraining.