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Lalibela in Ägypten: Auf Pilgerpfaden wandern

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Auf Pilgerpfaden in Ägypten wandern

26.11.2012, 11:39 Uhr | Thomas Heinloth

Auf Pilgerpfaden: Gläubiger in der Felsenkirche von Lalibela. (Quelle: Reuters)

Auf Pilgerpfaden: Gläubiger in der Felsenkirche von Lalibela. (Quelle: Reuters)

Pilgern Sie nach Lalibela

Wallfahrten gibt es in Ägypten seit Beginn des Christentums. So wie sich Europas Gläubige aufmachten nach Santiago de Compostela, pilgerten Reisende aus Nahost beispielsweise nach Lalibela, wo der gleichnamige König ein zweites Jerusalem erschaffen wollte. Wandern Sie mit uns auf den Spuren der Pilger - unser Autor berichtet von seinen Erlebnissen.

Der heilige Daniel, war er wohl schwindelfrei? Die Kapelle, in der er vor etwa 1600 Jahren gelebt und gebetet haben soll, ist in einen Tafelberg gehauen: Ein Loch in einer glatten Wand, und der Weg dorthin eine Prüfung für alle, die nicht höhentauglich sind. Über eine Stufe aus Basalt fallen wir ins Innere von Daniels luftiger Eremitage. Und von dort aus blicken wir nach unten: Das Land der Tigray breitet sich dort aus, rotbraune Erde, in der Farbe von gebranntem Ton, durchsetzt mit Schirmakazien und Agaven, mächtigen Feigenbäumen, lehmbedeckten Hütten. Eine Herde Ziegen in der Ferne wie Insekten. Berge, die die Zeit geschliffen hat, stumpfe Kegel aus denen kathedralengleich turmhohe Zinnen ragen.

"Daniel hat die Erde hinter sich gelassen, um dem Himmel nah zu sein", sagt Aba Tessfaye, und er versteht etwas davon. Auch er lebt entrückt von Irdischem und mitunter in den Wolken. Nur ein paar Meter tiefer als die Kapelle des Heiligen Daniel liegt seine Kirche Debre Maryam, auf einem Hochplateau in Äthiopiens Norden. Hier ist Aba Tessfaye orthodoxer Hohepriester und Eremit.

Ein Leben als Eremit

Mit 14, als Priesterschüler noch, ist er hierher gezogen. Jetzt ist der Bart auf seinen schwarzen Wangen grau, und die Soutane wird nie mehr weiß, wie sie vor Jahren einmal war. "Für mich“, sagt Aba Tessfaye, "ist das ein ganzes Leben hier. Für Debre Maryam bin ich nur eine kleine Episode". Auch seine Kirche steht schon über 1600 Jahren: von außen wie ein eilig an den Fels geklebter Holzverschlag, doch innen öffnet sich ein erstaunlich weiter Raum, tief in den Berg geschlagen, eine dreischiffige Basilika, höhlenartig und organisch, doch voller Symmetrie. Bar jeden Prunks ist diese Kirche, da sind nur blasse Malereien an der Wand, Adam und Eva neben einer Schlange. In einer Ecke Weltliches: Feuerzeuge, Wasserflaschen, eine nackte Glühbirne an einem Draht, doch nichts nimmt dem Raum von seiner Erhabenheit.

Jeden Morgen liest Aba Tessfaye hier die Messe, meist für sich allein. Zu den großen Feiertagen aber kommen sie von weither angereist, Pilger aus dem ganzen Land, und am 6. November, dem Tag des Heiligen Daniel, stehen sie zu Hunderten vor der Kirche, weil drinnen schnell kein Platz mehr ist, um im jahrtausendealten Staub zu knien.

Ein zweites Jerusalem für Ägypten

Von Wallfahrern durchschritten wird der Norden Äthiopiens beinahe schon so lange, wie es Christen gibt. So wie sich Europas Gläubige aufmachten nach Santiago de Compostela, pilgerten Reisende aus Nahost nach Lalibela, wo der gleichnamige König nicht weniger erschaffen lassen wollte als ein zweites Jerusalem. Elf Kirchen schlug er in den weichen, roten Fels aus Tuff, erdwärts in den Boden. Jedes Gotteshaus ein Stein: Portale, Pfeiler, Treppen, Simse, Schwellen, Fenster und Altäre, wie ein Negativ im Fels. Und in den Nischen rund um die Georgs-Kirche liegen noch die mumifizierten Gebeine derer, die von einem Jerusalem ins andere zogen, wo sie starben, nach einem langen Marsch. Sie zogen durch ein Land, das biblisch ist, noch immer. Bauern, die sich ihre strohbedeckten Hütten mit dem Vieh teilen. Ochsen vor Pflugscharen aus Eukalyptusholz, die die harte, rote Erde auf den Terrassen brüchig machen für die nächste Hirsesaat. Barfüßige Hirten, aufrecht, durchgestreckt, mit federnd stolzem Gang, die über das weite Land Zebu-Rinder treiben.

Nie versiegende Quelle

Zu Fuß kommt man Äthiopien am nächsten, und so pilgern wir ein Stückchen mit. Folgen einem alten Mulipfad zwei, drei Stunden aufwärts, bis zur kleinen Kirche Asheten Maryam, weit über Lalibela, vorbei an kargen Ziegenweiden, Viehdung-Pyramiden, Bohnenfeldern. Wie immer laufen Kinder mit, aufgeregt und hoffnungsvoll: Vielleicht kauft ein weißer Wallfahrer ja lauwarme Mirinda-Limonade oder ein kleines Messingkreuz. Am nächsten Tag begleitet uns ein Trauerzug. Wehklagen und Gesang, eine Prozession im Gleichschritt, die Männer mit stolz geschulterter Kalaschnikow, die Frauen mit ornamentbesetzten Sonnenschirmen, mittendrin ein aufgebahrter Leichnam, in roter Seide aufgeputzte Pferde, Weihrauchduft. Die Trauernden und wir haben das gleiche Ziel: Neakuto Leab, ein Gotteshaus im Schatten eines Tafelbergs, gesäumt von Pfefferbäumen und berühmt für seine Quelle, die ein Weihwasser-Becken füllt. Nie ist sie vertrocknet seit dem 13. Jahrhundert. Der Priester schlägt die Trommel für die Trauernden und liest die Totenmesse, dann hat er Zeit, den weit gereisten Besuchern seinen Kirchenschatz zu präsentieren: die Ziegenleder-Bibel, seine Priesterkrone und das wuchtige Handkreuz: "Ein Geschenk von Kaiser Johannes IV."

Die glatte Wand hinauf

Seine Kirche kauert sich unter einen Vorsprung und ist halb in den Fels geschlagen. Äthiopiens Gotteshäuser lehnen sich meist an einen Berg. Mal sitzen sie tief im Stein, mal sind sie eine Höhle, und mitunter thronen sie ganz oben, krönen einen Gipfel oder ein Hochplateau wie das berühmte Kloster Debre Damo im staubigen Gebirgsland an der Grenze zu Eritrea. Elf Kilometer sind es von der Piste bis zum Klosterfelsen, eine angemessene Pilger-Strecke durch Gestrüpp, wilde Oliven und Wacholder. Am Fuß des Felsens ist Endstation für Frauen. Debre Damo ist eine Männerwelt, und eine uneinnehmbare Insel. Das letzte Wegstück ist eine 16 Meter hohe Wand, glatt und senkrecht. Wer nach oben will, wird in eine Lederschlinge eingebunden, an einem Hanfseil zerren Priesterschüler die Pilger nach oben.

Mit 15 Jahren Priester werden

An diesem Tag steht Defar oben an der Kante und erklärt den Besuchern die Kloster-Regeln: Wie immer keine Schuhe in den Kirchen, angemessene Kleidung, Rauchverbot. Fotografiert werden dürfen die jahrtausendalten Fresken, die Hühner und die Affen, nicht aber die Rinder und die Mönche. "Eben nichts, was heilig ist", sagt Defar. Kürzlich ist er 15 Jahre alt geworden, was mit dem Rest seines Lebens wird, hat Defar längst entschieden: Bald wird er sich zum Priester weihen lassen, später dann das weiße Ornat mit dem gelben Umhang der Mönche tauschen und für immer oben auf dem Felsen bleiben, wie Daniel, der Heilige. Ein Leben ohne Mädchen, ohne Popmusik, ohne Schokolade oder mal ein Bier? Defar hat keine Zweifel. Steht ganz am Rand des Tafelberges an der Abbruchkante wie an der Reeling eines weltentrückten Schiffs, sieht übers weite, hellbraun gescheckte Land hinaus, dem Schattenspiel der Wolken zu. "Das ist ein Ort, zu dem so viele pilgern", sagt er. "Und ich bin schon da."

Quelle: Raufeld

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