
14.01.2013, 13:31 Uhr | SP
Das größte Gipfelbuch der Alpen steht auf dem Neunerköpfle in den Tannheimer Bergen und ragt drei Meter in die Höhe. (Quelle: Tannheimer Bergbahnen)
Es ist ganz oben zu Hause und trägt häufig auch die höchsten Gefühle in sich: Das Gipfelbuch wartet auf den Wanderer am Tour-Höhepunkt, gut geschützt vor Wind und Wetter, zumeist am Kreuz verstaut. Doch was hat es auf sich mit der Tradition rund um das "Gästebuch des Berges"? Seit wann gibt es sie, wer kümmert sich um sie – und was schreibt man eigentlich hinein? Hier erhalten Sie eine kleine Gipfelbuch-Einführung, sehen Sie mehr in unserer Foto-Show: Gipfelbücher.
Nach der Brotzeit und dem Genuss des Ausblicks greifen viele Berggeher zum Stift und hinterlassen eine Notiz im Gipfelbuch. Hier wird Datum und Tour festgehalten, manch einer schreibt detaillierter über das Wetter und die Wegbeschaffenheit – andere verfassen ein Gedicht, zeichnen oder haben ihren Standardspruch. Für viele gibt das Gipfelbuch auch Anlass, in sich zu kehren und fast schon intime Gedanken oder auch Wünsche niederzuschreiben.
Zu Hause ist das Gipfelbuch in Wetterkästen, häufig einer Blechkiste, die am Kreuz befestigt ist. Und es gibt es in den unterschiedlichsten Ausführungen: von einfachen Notizbüchern bis hin zu aufwändig gestalteten, gebundenen Varianten. Das größte Gipfelbuch der Alpen befindet sich auf dem Neunerköpfle in den Tannheimer Bergen. Drei Meter ragen die zwei Seiten in die Höhe bei einer Breite von fast fünf Metern. Bei Klettersteigen spricht man übrigens von einem „Steigbuch“, beim Klettern im Fels von dem „Wandbuch“.
Über die Entstehung der Tradition gibt es keine einheitliche Gewissheit. Man geht davon aus, dass die Engländer einst eine Art Flaschenpost eingeführt hatten, die als Vorläufer des Gipfelbuches gesehen werden kann. Sie hinterließen in einer Flasche auf dem Gipfel eine Nachricht beziehungsweise ihren Namen und der nächste Begeher tauschte die Notiz gegen seine eigene aus. In der Alpenregion, so das generelle Urteil, startete die Tradition der Gipfelbücher so richtig um die Jahrhundertwende.
Und wie lange bleibt das Buch dort droben? Manch ein Buch ist in wenigen Monaten voll geschrieben – je nach Besucher-Frequenz auf dem Gipfel. Andere Bücher wiederum füllen sich nur langsam über die Jahrzehnte... Im Karwendel zum Beispiel hielt sich das „womöglich älteste“ Gipfelbuch der Region an der Mittleren Jägerkarspitze von 1913 bis 2003. Und selbst nach den neun Jahrzehnten war es noch nicht vollgeschrieben – die Besteigung des Berges ist, so kann man sich ausmalen, schwierig und anstrengend. Inzwischen wurde es als wichtiges Zeugnis der Alpingeschichte sorgfältig vom Österreichischen Alpenverein restauriert und wird im Archiv des ÖAV in Innsbruck aufbewahrt.
Auch im Archiv des Deutschen Alpenvereins in München finden sich zahlreiche Gipfel- und Hüttenbücher, die Interessierte einsehen können. Wer also beispielsweise im Gipfelbuch des Hohen Lichts aus den Jahren 1897-1901 stöbern möchte, kann sich beim DAV melden...
Die ‚Wartung’ und Pflege des Gipfelbuchs ist nicht fest geregelt. Es gibt Alpenvereins-Sektionen, die sich darum kümmern, manchmal betreut es der nahe Hüttenwirt oder die Gemeinde. Allerdings gibt es auch engagierte Privatleute, die Gipfelbuchpaten werden und immer wieder nach „ihrem“ Buch sehen, Stift oder Hülle ersetzen und sich um den Austausch kümmern.
Wer übrigens das Gipfelbuch regelmäßig konsultiert, ist die Bergwacht. Wird ein Bergsteiger vermisst, sieht sie nach, ob die Person einen Eintrag hinterlassen hat – das kann dabei helfen, den Suchbereich einzuschränken beziehungsweise Gewissheit darüber zu erhalten, dass die Person auch tatsächlich auf dem Gipfel war.
Die Einträge in das Gipfelbuch sind so individuell wie die Berg-Bezwinger. Der eine Verfasser macht sich an einen Reim auf sein Wandererlebnis, andere notieren ausführliche Tourenbeschreibungen. Doch besonders auffällig ist, dass das Gipfelbuch die Menschen zur inneren Einkehr und Reflektion animiert. Hoch droben in der Natur scheint nicht nur der Puls, sondern auch der Geist des Menschen besonders angeregt zu sein. So kann eine Lektüre durchaus an ein Gebetsbuch erinnern, wenn der Menschen gedacht wird, die verstorben sind, die vermisst werden oder wenn für Menschen gebittet wird, die an einer Krankheit leiden. Und das „Vergelt’s Gott“, das Danke an den Gastgeber Berg, fehlt natürlich in keinem Gipfelbuch.
Dann gibt es wiederum Einträge, die weniger in die Kategorie ‚Danksagung’ als in die Kategorie ‚Profilierung’ fallen. Zum Jahreswechsel, zum Beispiel, kann es hoch droben durchaus recht ehrgeizig zugehen. Schließlich gibt es zahlreiche Bergler, die zum Neujahr als Erste ihren Namen eintragen wollen. Generell füllt das Klopfen auf die eigene Schulter viele Gipfelbuchseiten: So halten sportlich Ambitionierte hier gerne stolz ihre Leistung fest und berichten von ihren Höhenmetern, ihrer Rekordzeit oder der „bereits siebten Besteigung in diesem Sommer“. Diese Einträge zu Spitzenzeiten auf den Berggipfel provozieren des Öfteren prompte Gegenreaktionen und so findet man unter solch einer Leistungsnotiz schon einmal einen klaren Kommentar wie: „Depp!“
Von demütig bis derb – hier eine Auswahl an knappen Worten, die unterschiedlicher nicht sein könnten:
„Die Menschen werden kommen und gehen, aber ewig bleiben die Berge.“
„Wer höher klettert, sieht weiter. Wer weiter sieht, träumt länger.“
„Nur wer auf die Berge steigt, kann die Höhe des Himmels ermessen.“
„Als Mittelglied zwischen Mensch und Affen hat Gott den Alpinisten geschaffen.“
„Ein Berg ohne Gipfel, ist wie ein Playboy ohne Zipfel.“
„Auf die Berge musst Du steigen / wird Dir weh im dunklen Tal / was Dir Mühe macht und Qual.“
„Besteigen und bestiegen werden, ist das höchste Glück auf Erden.“
„Hose voll, aber toll.“ (nach einem schwierigen Aufstieg)
Quelle: KGK
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