
25.02.2013, 13:44 Uhr | Jörg Runde
Claudia Gerling läuft bis zur absoluten Grenze. Sie ist eine der besten deutschen Athletinnen im Trailrunning. (Quelle: Pierluigi Benini)
Beim Blick auf die Saisonhöhepunkte von Claudia Gerling wird schnell klar: Diese Frau schreckt so schnell nichts ab. Im März läuft die 45-Jährige den Marathon auf dem zugefrorenen Baikalsee in Sibirien, im August steht der Ultra-Trail am Mont Blanc auf ihrem Programm. „Der Lauf in Russland ist nicht so hart für mich. Das ist eine richtig schöne Geschichte“, sagt sie. Nur am Rande erwähnt Gerling, dass bei dem Event schon einmal ein Läufer erfroren ist. Ihr kann das nicht passieren, dafür ist sie zu erfahren. Seit 2004, als Gerling am Rande des Berlin-Marathons einen Prospekt vom Trailrunning in die Hände bekam, betreibt sie den Sport. Sehen Sie Bilder von Claudia Gerling beim Trailrunning in unserer Foto-Show.
Es sind die großen Herausforderungen, die Claudia Gerling reizen und an die sie sich nach und nach herangetastet hat. Die Runde um den Mont Blanc im Sommer steht für Gerling ganz hoch im Kurs. 168 Kilometer mit 9500 Höhenmetern über Geröll, Felsen und rutschige Wege fordern sie bis aufs Äußerste. Dabei geht es ihr nicht nur um den olympischen Gedanken. „Wenn ich schon dabei bin, dann will ich auch gewinnen oder zumindest vorne reinlaufen“, sagt sie. Lächelnd fügt sie an: „Ich will immer meine Grenzen austesten.“
Bei zahlreichen Ultra-Wüsten- und Bergläufen über 100 Kilometer und mehr hat sie das schon erlebt. Das Gefühl der Angst zu erfrieren kennt sie genauso wie die überschäumende Freude beim Anblick traumhafter Panoramen. „Ich weiß mittlerweile mit allen Erfahrungen umzugehen.“
Diese Gewissheit macht Gerling nicht nur gelassener sondern auch immer erfolgreicher. In Deutschland gehört sie längst zu den besten Athletinnen der jungen Sportart. Der 3. Platz beim 100 Kilometer-Lauf durch die Sahara im März 2012 unterstreicht die Einschätzung.
"Dort zu bestehen ist immer etwas Besonderes“, sagt sie. Das fängt schon mit der Planung an. „Wüstenläufe sind immer eine logistische Herausforderung.“ Die richtige Lampe, die passende Verpflegung und natürlich die Schuhe. „Bei meinem ersten Lauf in der Wüste bin ich noch mit normalen Laufschuhen angetreten“, sagt sie und lacht über sich selbst. Heute hat sie Spezialschuhe, um die Strapazen leichter und vor allem schneller hinter sich zu bringen.
Noch wichtiger während der bis zu 48 Stunden dauernden Läufe ist aber die Verpflegung. Gerling schwört auf die vielen Nährstoffe von Datteln und natürlich die für Läufer typischen Energieriegel, Elektrolytgetränke und Nüsse. „Man ist eigentlich die ganze Zeit damit beschäftigt, sich zu überlegen, was man als nächstes zu sich nimmt“, sagt sie. Die Einteilung und Dosierung sind extrem schwer. „Magenprobleme nerven brutal, die kann niemand gebrauchen.“
Beim letzten Sahara-Abenteuer hatte Gerling vor allen mit der Psyche zu kämpfen. „Rund 14 Stunden bei Nacht konzentriert zu bleiben, ist hart“, sagt sie und erzählt davon, dass sie exakt 17 Mal umgeknickt sei. Ungewöhnlich sei das. Es blieb zwar ohne Folgen, brachte sie aber einmal mehr zur Erkenntnis: „Im Kopf entscheiden sich die Rennen.“
„Genau das“, fügt Gerling an, „finde ich so faszinierend an den Ultra-Trails. Körper und Geist werden gleichermaßen gefordert. Um den physischen und psychischen Anforderungen gerecht zu werden, ist eine gute Vorbereitung unverzichtbar."
Für die Personaltrainerin waren das 2012 mehr als 520 Stunden Training, in denen sie mehr als 3000 Kilometer (70 Kilometer in der Woche) und rund 100.000 Höhenmeter zurücklegte. Dazu regelmäßiges Krafttraining, das sie teilweise gemeinsam mit ihren Kunden absolviert. „Mein Job kommt mir sicherlich beim Training entgegen. Für mich kommt es ja vor allem auf die Umfänge an. Da hilft jeder Kilometer.“ Und dem Selbstbewusstsein und der Lockerheit vor den Rennen schadet eine gute Vorbereitung nicht.
Das gilt auch für die gemütlichen Gesprächs-Runden vor den Wettkämpfen, in denen mit den zum Teil befreundeten Konkurrenten gerne gefrotzelt wird. „Diese Runden sind immer sehr lustig. Da wird vor den Rennen immer ordentlich tiefgestapelt“, erzählt Gerling. Gleichzeitig kursieren aber auch spannende Geschichten. Zum Beispiel von Läufen im Urwald wie dem Insellauf der Verrückten auf Guadeloupe - mit Riesenschlangen, giftigen Spinnen und anderen Gefahren. Lauf-Events mit gefährlichen Tieren schrecken selbst Gerling ab. Mit einem Kopfschütteln sagt sie: „Das ist nichts für mich. Da kriegt mich niemand hin.“
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