
16.02.2012, 15:37 Uhr | Andi Lipp
Um dem weißen Tod durch eine Lawinenverschüttung zu entgehen, tragen viele Skifahrer und Snowboarder inzwischen Lawinen-Airbag-Rucksäcke. Anders als Auto-Airbags dämpfen diese Luftkissen aber nicht den Aufprall. Sie vergrößern die Oberfläche des Trägers und nutzen das Prinzip der so genannten Entmischung. Was das ist, was technisch dahintersteckt und wie solche Systeme funktionieren erfahren Sie in unserer Foto-Show und im Video in der Linkliste:
Das Ski- oder Snowboardfahren im Tiefschnee abseits gesicherter Pisten ist eine der schönsten Sachen der Welt – aber auch ungemein risikoreich, denn die Lawinengefahr ist ein ständiger Begleiter. Seit Jahrzehnten tüftelt die Sportartikelindustrie an Sicherheitsausrüstung für Freerider und Tourengeher: Eine der neuesten Erfindungen ist der Rucksack mit Airbag-System. Durch sekundenschnelles Aufblasen eines oder mehrerer großer Luftkissen können sie eine Verschüttung verhindern. Und das ist natürlich das große Ziel bei Lawinenabgängen – schließlich sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit in einer Lawine bereits nach 15 Minuten drastisch!
Die Funktionsweise des Luftkissens lässt sich durch einen Blick in die Müslischachtel illustrieren. Hier findet man die großen Müslibestandteile immer oben, während sich am Boden gerne das ‚Gebrösel’ sammelt. Entmischung oder Segregation nennt das die Physik. In Anlehnung ans Alltagsleben bezeichnet man dies auch als Paranuss-Effekt: In einer sich bewegenden Teilchenmenge gelangen große Partikel nach oben. Genau dieses Prinzip – und nicht wie fälschlicherweise oft angenommen der Auftrieb durch Luft – ist die Grundlage der Lawinen-Airbags. Die Oberflächenvergrößerung durch Aufblasen der Luftkissen steigert die Chance, an die Oberfläche zu gelangen – dorthin also, wo für den Ski- oder Snowboardfahrer Sauerstoff zum Atmen zur Verfügung steht; oder wo zumindest ein Körperteil herausragen und die Befreiung aus den Schneemassen deutlich beschleunigen kann.
Die Befüllung der Airbags geschieht in Sekundenschnelle. Ein kurzer Zug am Auslösegriff und das in einer Kartusche im Rucksack komprimierte Gas schießt in die Airbags. Durch spezielle Ventile saugt das einströmende Gas zusätzlich Umgebungsluft mit an. Dadurch sind die Luftkissen in wenigen Sekunden prall gefüllt. Je nach Hersteller – momentan dominieren zwei verschiedene Systeme den Markt – erfolgt die Auslösung und Freisetzung des Gases per Bowdenzug (z.B. bei Snowpulse, Mammut, Scott) oder per pyrotechnischer Sprengkapsel (bei ABS und künftig auch bei Ortovox). Ebenfalls herstellerabhängig ist die Anzahl der Luftkissen: Systeme der Firma ABS oder in Kooperation mit ABS hergestellte Rucksäcke verfügen über zwei Airbags. Modelle von Mammut, Scott und Snowpulse setzen hingegen auf nur ein Luftkissen. Was besser ist, dass lässt sich nur schwerlich feststellen. Auf der einen Seite, sollen die zwei Luftbehälter wegen der näheren Platzierung am Körperschwerpunkt theoretisch zu einer horizontalen Lage führen. Dagegen können die den Kopf umschließenden Einzelkissen vor Verletzungen an Kopf und Nacken schützen und – ebenfalls theoretisch – eine Atemhöhle schaffen, wenn die Luft aus den Airbags entwichen ist.
Zahlreiche Tests und eine nicht unerhebliche Zahl von glimpflich ausgegangenen Lawinenunfällen, bei denen die Opfer mit Airbag überlebten, zeugen von der Praxistauglichkeit der Airbags. Doch auch wenn die Gas-Kartuschen für den mehrfachen Gebrauch ausgelegt und im Fachhandel wieder befüllbar sind, eine Aufforderung zu mehr Risikofreude im Gelände sind auch Lawinen-Airbags ganz sicher nicht. Ein (absolut ausreichendes) Restrisiko bleibt immer! Außerdem gilt selbst für so vermeintlich einfache Handgriffe wie den Zug an der Reißleine: Übung macht den Meister! Probeauslösungen im „Trockenen“ sind genauso unerlässlich wie ein Kurs in Lawinenkunde und das Training im Umgang mit der Minimalausrüstung, bestehend aus Lawinenverschütteten-Suchgerät, Schaufel und Sonde.
Weitere Informationen
Entsprechende Anbieter von Kursen finden Sie hier:
Deutscher Alpenverein: www.alpenverein.de
Verband Deutscher Berg- und Skiführer e.V.: www.vdbs.de
Snow and Avalanche Awareness Camps : www.saac.at
Österreichischer Alpenverein: www.oeav.at
Schweizer Alpen-Club: www.sac-cas.ch
Und hier geht es zu den Herstellern von Lawinen-Airbag-Rucksäcken:
www.ortovox.de (ab 2013)
Quelle: KGK
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